Gemeinsam mit neun anderen Lehrerinnen aus Rheinland-Pfalz hatte ich Anfang März die Gelegenheit mit Erasmus+ das schwedische Schulsystem kennenzulernen und in den Schulalltag in Sollentuna, einem Vorort von Stockholm, in den Schulalltag einzutauchen.

Astrid, die Schulhündin
Das schwedische Schulsystem unterscheidet sich wesentlich vom deutschen: Die Schülerinnen und Schüler lernen deutlich länger gemeinsam und weniger leistungsorientiert – die Grundschule dauert neun Jahre, und bis zur 6. Klasse gibt es keine Noten. Vergleiche sind kulturell verpönt – ein ungeschriebener Verhaltenskodex betont in Skandinavien Bescheidenheit, Gleichheit und soziale Kontrolle (Gesetz von Jante). Tatsächlich wirkten die Kolleginnen und Kollegen und die Schülerschaft dort auf mich deutlich entspannter, wenngleich uns auch von Übertrittsstress in Klasse 9 berichtet wurde – dann stehen zentrale Prüfungen in Schwedisch, Englisch, Mathe, den Gesellschafts- und Naturwissenschaften an.
Der schwedische Staat investiert deutlich mehr Geld in Bildung als der deutsche (öffentliche Gesamtausgaben für Bildung: 7,1 vs. 4,5% des BIP), und das konnte man sehen: Die Schule in Sollentuna befand sich zwar in einem alten Gebäude, war aber dennoch mit Rampen und Aufzügen barrierefrei erreichbar. Schülerinnen und Schüler in Schweden bekommen zudem alle Materialien, die sie für die Schule benötigen, kostenlos gestellt – vom Stift über das Heft bis zu einem eigenen Computer. Auch das Mittagessen ist für alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte kostenlos – und lecker.
Viele Abläufe in der Schule waren zunächst sehr ungewohnt: Es gab keinen Gong und auch keine gemeinsame Hofpause für alle. Wie in Schweden üblich, wurden die Lehrkräfte geduzt (das ist auch in der Arbeitswelt normal, die Hierarchien sind flacher). Die Dauer der einzelnen Stunden variierte erheblich. Die Unterrichtsstunden begannen also erstmal damit, dass die Lehrkräfte an der Tafel notierten, ob jetzt z.B. 40 oder 70 min Unterricht anstehen.
Die Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte verbringen viel Zeit in der Schule (Ganztagsschule; für Lehrkräfte 35 Std. Anwesenheitspflicht vor Ort). Dabei hatten die Schülerinnen und Schüler (aus deutscher Sicht) viele Freiheiten: So durften die 7.-9. Klassen die Pausen im Schulgebäude verbringen (es gab viele Bänke und andere Sitzgelegenheiten in den Fluren und Treppenhäusern) und den Unterricht ohne nachzufragen für einen Toilettengang verlassen.

Stundenplan einer 4. Klasse
In der Grundschule gibt es eine bemerkenswert große Fächervielfalt – Nähen, Werken, Kochen und ökonomische Bildung spielen genauso eine Rolle wie z.B. Sprachen, Gesellschafts- und Naturwissenschaften. Konfessionellen Religionsunterricht gibt es hingegen nicht.
Schweden ist wie Deutschland seit Jahrzehnten Einwanderungsland. Das Schulsystem hat sich darauf auch eingestellt: In der besuchten Schule erhalten 10% der Schülerinnen und Schüler Unterricht im Fach Schwedisch als Zweitsprache. Zudem gibt es in Sollentuna – einer Stadt mit 75.000 Einwohnern – herkunftssprachlichen Unterricht in 60 (!) verschiedenen Sprachen (z.B. Arabisch, Tigrinya, Türkisch, Kurdisch).

„Frühling“ in Stockholm
In Saarburg haben wir seit Kurzem eine Schulsozialarbeiterin. In Schweden ist multiprofessionelles Arbeiten seit langem der Standard: In der Schule gibt es auch eine Schulkrankenschwester, SozialarbeiterInnen und PsychologInnen, Förderlehrkräfte, eine Berufsberaterin, eine Bibliothekarin für die Schulbibliothek, Küchenpersonal etc. Die Kommune Sollentuna hat seit 20 Jahren auch in allen Schulen ein verpflichtendes Programm gegen Mobbing etabliert (Olweus) und bietet eine Naturskolan an. An einzelnen Tagen können Klassen dort angeleitete Erfahrungen in der Natur machen – wichtig in einem Land, in dem viel Freizeit zu allen Jahreszeiten draußen verbracht wird. Für Achtklässler kann man z.B. einen Workshop buchen, bei dem man lernt, was zu tun ist, wenn man im Winter in einen gefrorenen See einbricht.
Während in 16 deutschen Bundesländer unterschiedliche Schulformen, Lehrpläne und Schulbücher existieren, erleichtert ein zentrales System wie in Schweden die Konzeption von einheitlichen Lehrmaterialien und Prüfungen. Schülerinnen und Schüler haben oft die Wahl, ob sie eine Prüfung mit Stift und Papier erledigen möchten oder diese digital einreichen.
Hinsichtlich der Digitalisierung suchen beide Länder noch nach dem richtigen Weg: In Schweden wurde in den letzten Jahren sehr viel Geld in Digitalisierung investiert – mit all seinen Schattenseiten: die Feinmotorik und Konzentration ist schlechter geworden, es wird kaum noch Schreibschrift beherrscht und die Schülerinnen und Schüler verbringen sehr viel Zeit vor Bildschirmen. In Zukunft sollen in Schweden gedruckte Schulbücher wieder stärker zum Einsatz kommen und in den Grundschulen wird es ab dem kommenden Schuljahr ein Handyverbot geben.
Wer neue Impulse für die Schule oder den Unterricht sucht, oder einmal erleben möchte, wie Schule ganz anders sein kann, dem sei der Austausch mit Erasmus+ wärmstens empfohlen.
(As)